Die Steenkamper

Heimstättervereinigung Steenkamp e.V.

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Hommage an Steenkamp

“Hommage an Steenkamp”
aus dem Steenkamper Ausgaben 2/2010, 2/2010 und 2/2011
von Erich Riegner
(aus: „Auf Umwegen nach Altona“)

Die Kinder, mit denen ich spielte, kamen alle aus derselben Ecke, nämlich aus Altona, genauer gesagt, Bahrenfeld, oder noch genauer: „Steenkamp“. Letzteres heißt auf Hochdeutsch „Steinfeld“ bzw. „Steinacker“ und war noch bis ins 19. Jahrhundert ein unbewohntes Gebiet im Westen Bahrenfelds.

Bevor die Steenkampsiedlung kam …

Dort, wo an der Nordgrenze der Steenkampsiedlung, an der Möllner Landstraße, jetzt Notkestraße, meine Grundschule stand, begann eine zum Luruper Wald führende große Wiese, die damals den gelegentlichen Landungen kleiner Sportmaschinen diente, was für uns noch eine Sensation gewesen war. Im Übrigen weideten dort Schafe, ließen Kinder ihre Drachen steigen, und hin und wieder übte darauf ein militanter Spielmannszug seine Marschmusik ein. Gespannt habe ich dann den Trommlern und Pfeifern zugehört und gestaunt, wie sie auf die markanten, mir jedoch unverständlichen Befehle ihres Hauptmanns parierten.

Wenn die Sonne ihre Wärme gerecht verteilt hatte, habe ich mich dort einfach hingelegt und in den Himmel geschaut, über Gott und die Welt nachgedacht und mit offenen Augen geträumt. Meine Blickrichtung änderte sich wohl, wenn Libellen stracks auf mich zuschossen, um dann in der Nähe ihre Kunstpflüge zu veranstalten, gleich Hubschraubern, die es damals aber noch nicht gab. Die umher flatternden bunten Schmetterlinge störten sich nicht an meiner Gesellschaft, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie verursachten auch nicht solch ein lautes Summen wie die dicken Brummer, die sich vielleicht gerade von einem herumliegenden Ködel gelöst hatten. Grashüpfer sprangen um mich herum und an mir hoch. So war ich voll in die Natur einbezogen.

Wenn Wind aufkam, war Drachensteigen angesagt. Das wurde stets mit großer Vorfreude erwartet. Als mein erstes selbst gebasteltes Fluggestell mit 100 Meter Leine stilvoll aufgestiegen und angepflockt war, legte ich mich wieder auf den Rücken und verfolgte stolz und hingebungsvoll mein Werk, dass sich nun bewähren sollte. Zuweilen schwankte die Windstärke so, dass ich eingreifen musste, aber manchmal war es auch möglich, dem Himmel einen Gruß zu senden. Dieses geschah mit einer gelochten Postkarte, die vom Wind am Band hochgedrückt wurde. Das waren damals wohl die schönsten und sorglosesten Stunden meiner Kindheit. Jetzt spielen dort keine Jungs mehr, auch Schafe hört man nicht mehr blöken. Natur ist „out“! Stattdessen zieht „Desy“ (Deutsches Elektronen-Synchroton) seine hoffnungsvollen Kreise. So oder so ähnlich hat sich die übrige Welt jedoch ebenfalls verändert.

Nach Westen hin hörte unsere Welt am „Osdorfer Born“ auf. In der heißesten Sommerzeit zogen wir Kinder oft dorthin. Braungebrannt lief die Horde, zumeist barfuß und nur mit einer Turn- oder Badehose bekleidet, am Hünengrab vorbei, entlang an reifen Kornfeldern bis hin zu dem kleinen Badesee. Der Born war für uns wie eine Oase. Um den idyllischen See herum standen etliche Bäume, deren Schatten wir gerne aufsuchten …
Nicht weit südlich von uns floss die Elbe mit „ehrlicher Ebbe und Flut. „Ehrlich“, weil wir das deutlich beobachten konnten. Der Weg dorthin führte gewöhnlich durch Othmarschen. Von Steenkamp gingen wir natürlich öfters an die Elbe bis nach Övelgönne.

Das Gebiet zwischen „Himmelsleiter“ und „Övelgönner Hohlweg“ hatte eine merkwürdige Anzugskraft. Bei gutem Wetter badeten wir dort, bei schlechterem hielten wir Ausschau nach den großen Schiffen und suchten nach angeschwemmten Schätzen, wobei unserer kindlichen Fantasie keine Grenzen gesetzt waren. Gelegentlich spielten wir auch „Seeräuber“. Bei Letzterem ging es meist darum, wer „Störtebeker“ sein durfte. Die Erwachsenen hatten uns nicht vollständig informiert, insofern wurde der Freibeuter bei uns auch nicht enthauptet, wie einst am Grasbrook, sondern war unser Anführer. Bei aller Liebe zu den Attraktionen an der Peripherie der Steenkampsiedlung, zu denen natürlich auch der wunderbare Volkspark und das Schwimmstadion zählten, ein Großteil unserer unbeschwerten Jugend fand mitten im Ort statt. Die zahlreichen Düngerwege zwischen den großen Gärten der Siedlungshäuser boten viel Auslauf und Platz für kindliches Vergnügen, ob „Verstecken“, „Indianer und Trapper“ oder andere wilde Einfang- bzw. Kampfspiele. Diese wunderbaren, praktischen Düngerwege führten auch schnell zu den Nachbarskindern, zu den Freunden, wenn es darum ging, irgendetwas gemeinsam zu unternehmen. Das konnten bei gutem Wetter Ballspiele sein wie „Probe“ an den Rückwänden der am unteren Ende der Gärten gelegenen, kleinen Geräteschuppen oder, wenn sich genügend Beteiligung ergab, Fußball auf dem kleinen Bolzplatz bei dem dort immer noch stehenden Transformatorenhaus zwischen Grotenkamp und Emmichstraße (jetzt: Riemenschneiderstieg). Überhaupt die Emmichstraße, die wurde mit ihrer glatten Oberfläche bevorzugt für Kreisel, Reifen und Rollschuhlaufen. Dagegen ließ sich auf dem breiten Fußsteig des Osdorfer Weges besonders gut „Tippel-Tappel“ veranstalten, aber auch Murmeln oder „Kaiser, König, Bettelmann“. Gegenüber, getrennt durch ein breites Kopfsteinpflaster, stand Baum an Baum. Keine Eiche, keine Kastanie war uns zu hoch, um nicht hinaufzuklettern. Dann saßen wir oft stundenlang hoch oben in den Kronen, genossen das Schwanken der Äste im Wind und fühlten uns frei wie die Vögel. Von dort hatten wir nicht nur Aussicht in die Fenster unserer Reihenhäuser, auf die Passanten des Radfahrweges unter uns, auf die gelegentlichen Pferdefuhrwerke oder selteneren Autos, sondern auch in Richtung Süden auf die zahlreichen Schrebergärten, die sich unseren Blicken hinter einer hohen Hecke bis hin zum Flottbeker Weg verschlossen. Die Pforte zu diesem Gelände war gewöhnlich abgeschlossen, doch auch hier fand sich für uns immer eine Lücke in der Hecke, wenn unsere kindliche Neugier überwog. Auch zur Winterszeit bot sich uns jede Menge olympischer Kurzweil. Zugefrorene Gewässer – ob der kleine Bach bei Grünewald, gleich neben der Baumschule, oder der inzwischen von der Autobahn A7 größtenteils verdrängte Bahrenfelder See – anhalten- der Frost generierte Letzteren zu einer einer Eislaufstätte erster Güte. Dann wurden Rutschbahnen von beachtlicher Länge angelegt und mit „Hackel die Glitsch!“ gings ab ins Vergnügen. Die Fußballgegner der vergangenen Saison fanden sich dort dort schnell und spielten Eishockey bis in die Dunkelheit. Schlittschuhe und ein zum Schläger umfunktionierter alter Regenschirm genügten meist als Ausrüstung. Die Schräge zum See hinunter galt indessen als beliebte Schlittenstrecke, ebenso wie die schneebedeckten Abfahrten im Volkspark.

Liebe Leser, in diesem Jahr werde ich glückliche 90 und führe das zum guten Teil auf die herrliche und gesunde Kindheit in Steenkamp zurück, wo meine Eltern und ich von 1921 bis 1935 zu Hause gewesen waren, zuerst in der Ebertallee und später im Osdorfer Weg. Wer den vorangegangenen Text gelesen hat, weiß inzwischen recht gut, was ich meine. Klaus Tonn-Bonin erwähnte in der Ausgabe 1/2011 seinen Opa Wilhelm T o n n . Das regte mich dazu an, diese Folge mit einem ehrenden Gedenken an diesen Pionier der Heimstättervereinigung zu beginnen. W i l helm Tonn kannte ich aus der Perspektive eines kleinen Jungen, der mit seinem Sohn Fritz gemeinsam die Schulbank drückte. Die Erinnerung an ihn ist eng verbunden mit den an Fröhlichkeit kaum noch zu übertreffenden Heimatfesten, den darin integrierten Kinder- und Sportveranstaltungen, deren Organisation maßgeblich ihm oblag. Ich besitze noch eine Ehrenurkunde des Steenkamper Sportfestes von 1931, die mit den Unterschriften von Tonn, Matt- hiessen und Dollmann versehen ist. Ersterer war Wilhelm T o n n , auf jedem Kinder- bzw. Sportfestfest allgegenwärtig. Die von ihm vorgenommene Überreichung des hübsch gezeichneten Dokumentes fand auf der Vogelweide statt, verbunden mit einem Geschenk, das sich jedes Kind in der Reihenfolge des Sieges im Lindenkrug aussuchen konnte. Dort waren begehrenswerte Dinge wie Fotoapparat, Taschenuhr, Kinderbücher und allerlei Spielzeug aufgestellt. Ich kam auf diese Weise an meine erste Taschenuhr, damaliger Wert etwa 5 Reichsmark, vermutlich gestiftet von Uhrmacher Birke. Auf der Vogelweide war dann auch sonst noch allerhand los. Da standen Kletterstangen, und wir Jungs strapazierten daran unsere Muskeln. Auf einer besonders hohen Stange war ein Holzadler befestigt, der von den zumeist jungen Männern mit einer Armbrust stückweise heruntergeschossen wurde. Der so ermittelte Schützenkönig saß nachher beim Festumzug in einer blumengeschmückten Pferdekutsche. Romantisch, und bei Groß und Klein sehr beliebt, waren ebenfalls die abendlichen Laternenumzüge, voran eine Musikkapelle. „Meine Laterne ist so schön, man kann damit spazieren gehen …Laterne! … Laterne!“ Alle sangen die Lieder stimmungsvoll mit, auch die Fackeln tragenden Eltern, und – ganz wichtig – wir durften länger aufbleiben. Die ersten Kinobesuche meines jungen Lebens, etwa 1929/31, galten den Lichtspielen im Lindenkrug (Steenkampsaal), wo öfters am Wochenende für die Kinder ein Stummfilm mit Klavierbegleitung geboten wurde. Verinnerlichtes, aber manchmal auch kreischendes Amüsement bei „Dick und Doof“, „Tom Mix“ oder auch ein Lehrfilm über andere Kulturen, das Ganze für 10 oder 20 Pfennig. Wilhelm Tonn stand zuweilen im Hintergrund und kommentierte oder erklärte uns Kindern die Zusammenhänge. Unauslöschlich blieb mir die Szene im Gedächtnis, in der fürchterlich verdreckte Gestalten aufgetreten waren, und Wilhelm Tonn dazu kommentierte: „So werdet ihr auch mal aussehen, wenn ihr euch nicht wascht!“ Der Saal des Lindenkrugs war eine Allzweckeinrichtung für Veranstaltungen wie Tanz, Gymnastik, Kino und auch Wahlen. Hinter allem stand immer der emsige Vorstand der Heimstättervereinigung. Die Erinnerungen an die wunderbare Kindheit in Steenkamp bedeuten mir sehr viel.
Herzlichen Dank!