Die Steenkamper

Heimstättervereinigung Steenkamp e.V.

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Geschichte

Die Entstehung der Siedlung Steenkamp
Von A. Klement, Leiter des Baubüros
Oktober 1920

Es ist nicht immer so gewesen, dass der Siedlungsgedanke in weiten Kreisen der Bevölkerung lebendig war, wie es heute ist; im Jahre 1913 noch musste der Gemeinnützige Bauverein Altona- Ottensen, um seine Siedler zu gewinnen, den Weg der Reklame beschreiten. Er gab Werbeschriften heraus und stellte in der Gartenausstellung Altona drei Einfamilienhäuschen in Reihenbau aus. Diese liegen noch heute an der Eggersallee in Altona und sind kürzlich zur Linderung der Wohnungsnot wieder wohnlich hergerichtet worden.
Diese Musterhäuser wurden die Grundlage für die 53 Einfamilienhäuser der Emmichstraße (heute Riemenschneider Stieg), die im Jahre 1914 gebaut und 1915 bezogen wurden.
Schon damals wurde der Plan gefasst und Vorbereitungen getroffen, das anliegende, etwa 20.000 qm große städtische Gelände mit eine Siedlung zu bebauen. Für damalige Zeiten ein großer Plan.
Der notvolle Weltkrieg, der Vernichter so vieler Werte, hier förderte er das Werk. Mit dem Kriegerheimstättengedanken weckte er den Heimstättengedanken überhaupt. Behörden, die bisher kühl beiseite gestanden hatten, mussten für ihn eintreten, und weite Kreise der Bevölkerung wurden von dem Wunsche nach einem eigenen Gartenheim ergriffen.
So kam unter anderem eine Heimstättengründung sämtlicher Angestelltenverbände zustande, die die großen Mittel der Reichsversicherungsanstalt für Angestellte hinter sich hat, die „Gemein- nützige Aktiengesellschaft für Angestellten-Heimstätten“.
Mit dieser zusammen ging die Stadt Altona an die Durchführung des großen Siedlungsplanes auf dem Steenkamp: Die „Gemeinnützige Heimstätten-Aktiengesellschaft Altona“ wurde gegründet.
Die Emmichstraße wurde von der neuen Aktiengesellschaft übernommen.
Für die Bauausführung wurde ein Baubüro der Aktiengesellschaft ins Leben gerufen, das in engster Zusammenarbeit mit dem neugeschaffenen Siedlungsamte der Stadt Altona am 1. April 1919 in Tätigkeit trat.
Schleunigst wurde unter Hinzuziehung von 10 Altonaer Architekten die Planung durchgeführt, wobei die in der Emmichstraße gemachten Erfahrungen verwertet wurden. Man beschloß vor allem, die Häuser ganz zu unterkellern und das Obergeschoss ganz auszubauen und gewann dadurch statt des kleinen Spitzbodens zugleich einen Boden, der den Einbau einer Kammer gestattete. Für diese sollte jedes Heim ein größeres Fenster in einem Erker erhalten; weitere Erker und Ausbauten sollten vermieden werden. Statt der großen abkühlenden Fenster, die die Emmichstraße ausweist, wurden kleinere warmhaltende Doppelfenster vorgesehen.
Gleichzeitig wurde ein großzügiges Bauprogramm aufgestellt, um die Arbeit so schnell und billig wie möglich zu schaffen. Es ergaben sich folgende Grundlinien:
1. Schaffung eines eigenen Fuhrbetriebes.
2. Typisierung der verschiedenen Bauteile in möglichst großem Umfange.
3. Sofortiger Einkauf sämtlicher Materialien.
4. Schaffung eines Materiallagers mit Verwaltung am Bahnhof Bahrenfeld.
5. Vergebung der Arbeit in Losen an rund 150 Altonaer Unternehmer unter Zuhilfenahme der Innungen und Unternehmer-Organisationen.
6. Einrichtung einer Rechtsstelle beim Siedlungsamt, Begleichung aller Baurechnungen durch die Städtische Hauptkasse.
7. Möglichst gleichzeitige Inangriffnahme recht vieler Häuschen, um eine möglichst große Anzahl Unternehmer und Arbeiter dauernd zu beschäftigen.
8. Sofortige Einrichtung eines Probehauses, um bei der Vergebung der Arbeiten die Ausführungsart den Handwerkern in natura zu zeigen und rechtzeitig praktische Änderungen und Anregungen durchzuführen, um Massenfehler zu vermeiden.
Heute kann man sagen, dass die Grundlinien richtig waren. Will man sich die Verbilligung
durch Massenerzeugung zunutze machen, so darf man nicht, wie in anderen Siedlungen im Deutschen Reiche anschnitts- und stückweise bauen, sondern gleichzeitig so groß wie möglich und so schnell wie möglich. Denn je kürzer die Bauzeit, desto stabilere Verhältnisse in Bau-und Lohnkosten, desto niedrigere Bauunkosten. Auch die schnelle, großzügige Materialbeschaffung wirkt erheblich verbilligend.
Bis zum 1. Juni 1919 waren alle Vorbereitungen so weit gediehen, dass mit dem Bauen begonnen werden konnte. Die während der Kriegszeit in der Städtischen Müllverbrennungsanstalt entstandene große Schlackenhalde kam dem Unternehmen sehr zustatten. In Schlackenbeton wurden an vielen Stellen zugleich von 5 Betonfirmen die Keller ausgeführt. Rund 10 Millionen Kilogramm Schlacke wurden verstampft. Täglich wurden 5 Keller fertig. Schon im Juli 1919 konnte mit dem Aufbau begonnen werden, welcher binnen Jahresfrist in der Hauptsache beendet war. An der Arbeit nahmen Teil: 25 Maurermeister, 17 Zimmermeister, 25 Tischlermeister, 2 Gipsermeister, 8 Schlossermeister, 23 Klempnermeister, 27 Malermeister, 13 Glasermeister, 14 Elektriker.
Die Unternehmer beschäftigten im Durchschnitt dauern 500 bis 600 Arbeiter an der Baustelle.
In der Siedlung Steenkamp kamen zur Ausführung: 82 Einfamilienhäuser der Bauart 5, 28 der Hausart 10, 108 der Hausart 20, 78 der Hausart 30, 16 der Hausart 31, 19 der Hausart 32, 36 der Hausart 40, zusammen 367 Einfamilienhäuser; in Mehrfamilienhäusern: 38 Wohnungen in Hausart 35, 54 Wohnungen in den Heimen, 19 Wohnungen in den Ladengebäuden, Kaufhaus und Versammlungshaus, im ganzen 478 Wohnungen. Dazu 11 Verkaufsläden, 1 Krug mit Versammlungssaal. Im ganzen sind 205.000 Kubikmeter Raum umbaut worden.
Ursprünglich sind eine größere Anzahl der größten Hausarten 30 und 40 geplant gewesen. Sie mußten eingeschränkt, bzw. mehr kleinere Häuser gebaut worden, weil durch die Teuerung sich die Baukosten vervielfachten. Im Frieden kostete 1 cbm umbauten Raumes 18 Mark. Im Frühjahr 191, als die Siedlung geplant wurde, rechnete man mit 70-76 Mark, also dem Vierfachen. Während der Bauzeit stiegen die Errichtungskosten bis auf das 11-13-fache. Zu dieser Preissteigerung trugen bei: die Arbeitslöhne, die im Frieden pro Stunde 90 Pfg., im Frühjahr 1919 2,40 Mark und heute 6,20 Mark machen, mit dem siebenfachen, die Baumaterialien aber mit dem 12 bis 20 fachen.
Die beim Hause liegenden Gärten sind nicht sehr groß geworden. Zum Ausgleich, und um größten Ertrag zu erzielen, ist alles Menschenmögliche geschehen: der Mutterboden ist verteilt, große Flächen sind umringt und Obstbäume, Sträucher und Spaliere nach Möglichkeit gepflanzt worden.
Wer einen Blick über die 5 Jahre stehenden Gärten der Emmichstraße wirft, kann sich leicht vorstellen, wie in 5 bis 6 Jahren die Gärten in der Siedlung Steenkamp aussehen werden. Immer traulicher wird das Heim, immer ertragreicher der Garten. Von Jahr zu Jahr werden die erhöhten Sitzplätze an der Hinterseite der Häuser geschützter, eingerahmt von blühenden Hecken, beschattet von herrlichen Obstbäumen.
Und so, wie die Natur die Siedlung schöner gestalten wird, so möge auch jeder Siedler an sich selbst aufbauen, sich veredeln, Gemeinschaftssinn pflegen und die Jugend zur Freude des Alters erziehen.

Dieser Text stammt aus der Oktoberausgabe des STEENKAMPER 1920, Archiv der Heimstättervereinigung Steenkamp e.V.
Abschrift: M.Raabe. 01-2001